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17.02.15

Was ich gerne meinen Vater gefragt hätte...


Hallo Vater,

ich schreibe "Vater", weil "Papi" oder "Vati" habe ich Dich kaum genannt. Ich habe Dich eigentlich gar nicht gekannt. Hauptsächlich durch Omis, Deiner Mutter, Erzählungen entwickelte ich ein Bild von Dir. Die Erzählungen meiner Mutti kamen dann hinzu. Glaube mir, sie hat nie schlecht von Dir gesprochen, obwohl Du das bestimmt dachtest. Obwohl, dachtest Du überhaupt manchmal an mich, an uns? Das weiss ich nicht. Das ist eine der Fragen, die ich Dir gern gestellt hätte. Omi hat nur Gutes von Dir erzählt, sie war schliesslich Deine Mutter. Je älter ich wurde, desto mehr hat sich das Bild jedoch verzerrt. Ich erfuhr, dass Omi das Unterhaltsgeld oft vorschoss, wir erfuhren nie, ob Du es ihr auch immer wieder zurückerstattet oder einfach nur profitiert hast. Ziemlich zeitig schon hat Mutti gesagt, dass es wohl besser wäre, wenn Du mich nicht mehr siehst, da Deine seltenen Besuche mich immer völlig aus der Bahn warfen. Du hast nie dagegen protestiert, sondern einfach akzeptiert, Du hattest ja ohnehin keine Zeit. Als ob es Dir gelegen kam. Der Sport (Handball) war immer wichtiger. Zur Einschulung hast Du mir einen Olympiabären aus Moskau mitgebracht, auf den war ich unheimlich stolz. Später gab es dann immer weniger bis keine Geschenke und Omi wollte alles ausgleichen, was Du, ihr Sohn, ihrer Ansicht nach verpasstest. Sie hat sich überhaupt sehr viel um mich gekümmert. Wahrscheinlich tat es ihr weh, wie wenig Interesse Du zeigtest. Wir sahen uns nie oder nur zufällig, aber das kam einmal aller paar Jahre vor. Du warst immer sehr distanziert. Als ich 18 Jahre alt wurde, dachte ich, ich könnte den Kontakt wieder herstellen und Dich endlich kennenlernen, aber Du wolltest nicht viel von mir wissen. Du hattest die Tochter Deiner neuen Frau adoptiert, das reichte Dir wahrscheinlich.
An Omis 80.Geburtstag (ich war fast 20 Jahre alt) sahen wir uns wieder und ich weiss nicht warum, aber ich hatte grosse Hoffnungen an diesem Tag. Ich dachte, wir könnten mal zusammen ins Kino gehen oder so. Leider unbegründet. Mit 21 Jahren fing ich nach abgeschlossener Ausbildung ein Studium an und Du verstandest nicht die Notwendigkeit, mich finanziell zu unterstützen. Ich hatte schliesslich schon einen Beruf. Mit Mutti haben wir erwogen, die Unterstützung einzuklagen, da Du laut Gesetz dazu verpflichtet warst. Wir haben es nicht getan. Ich wollte meinen Seelenfrieden. Ich wollte nicht zu Gerichtsterminen und Dich sehen, wie Du Dich verteidigst. Und mir einmal mehr eingestehen, dass Du Dich nicht für mich interessierst. Die Enttäuschung noch vergrössern.
Ich habe dann irgendwie auf Durchzug geschaltet und alle Informationen zu Deinem Leben gefiltert. Das kam alles nicht mehr an mich heran.
Trotz einem sehr engen Kontakt zu Deiner Mutter, durften wir, also meine Mutti und ich, nicht zu ihrer Beerdigung kommen, wir gehörten schliesslich nicht zur Familie. Nachdem Omi nicht mehr da war, hörte ich nichts, rein gar nichts mehr von Dir.
Und dann, einige Jahre später, fand meine Mutti eine Todesanzeige in der Zeitung. Du warst ganz plötzlich gestorben, gerade mal 65 Jahre alt.
Ich war enttäuscht, ich hätte Dir gern mal direkt in die Augen geschaut und gefragt, warum Du Dich nie für mich interessiert hast. Die Reaktion hätte ich gern gesehen.
Ich habe Deine Frau angerufen, von der ich erfuhr, dass sie gar nicht mehr Deine Frau gewesen ist, sondern dass Du sie mit ihrer besten und deutlich jüngeren Freundin betrogen und dann auch sitzengelassen hast. Ein Punkt mehr, der mich nicht mit der Vergangenheit versöhnt.
Sag mir, dass es doch alles gar nicht so war. Dass Du oft an mich dachtest. Dass Du gern mehr Zeit mit mir verbracht hättest. Dass Du enttäuscht warst, dass wir nie ein richtiges 
Vater-Tochter-Verhältnis hatten. Dass Du bereust, nicht mehr um mich gekämpft zu haben. Schick mir ein Zeichen, ich werde es verstehen.

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