Die Aktion
"Ich bin dabei" im Brustkrebsmonat Oktober sollte uns zu einigem
Nachdenken anregen.
Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen,
etwa acht bis zehn Prozent erkranken einmal in ihrem Leben daran. Das
Risiko steigt mit zunehmendem Alter.
Etwa 80 Prozent aller Frauen, die die Diagnose
Brustkrebs erhalten, sind älter als 50
Jahre. „Je früher der Krebs erkannt
wird, umso erfolgreicher kann er behandelt werden.
Bei einer Früherkennung ist die
Überlebensrate sehr hoch, die
Heilungsrate liegt bei 80 bis 90 Prozent“, sagen Mediziner. Beleuchten wir
einmal das Thema „Früherkennung“:
Nach der
Brustkrebserkrankung meiner Mama bin ich eilig zur Mammographie gerannt, obwohl
ich noch nicht zu der Altersgruppe zähle, der eine regelmässige Kontrolle
geraten wird. Ich erlebte 5 schlimme Minuten, in denen ich aus der Mimik und
Gestik des Radiologen erkennen wollte, ob das, was er da sah, positiv oder
negativ zu werten war. Ich dachte an meinen Wunsch nach einem zweiten Kind und
dass es mir nicht wirklich gelegen käme, jetzt Brustkrebs zu bekommen....
Ist es wirklich
notwendig, sich selbst zu stressen? „Gewinnt“ man dabei etwas?
Seit vielen
Jahren laden die EU-Staten alle Frauen zwischen 50 und 70 Jahren (in Frankreich
sogar Frauen ab 40 Jahren) regelmäßig zu einer Röntgenuntersuchung ein, um ihre
Brust auf einen Tumor zu checken. Mit dem Erfolg, dass sich die Zahl der
Frauen, bei denen Brustkrebs entdeckt wird, verdreifacht bis vervierfacht hat.
Kann man sich die aufwändige Untersuchung ohne großes Nachdenken sparen? Ganz
so einfach ist die Sache leider nicht.
Warum steigt die Zahl der Brustkrebsfälle weiter?
Brustkrebs ist eine
Erkrankung, die vor allem älteren Frauen droht. Mit 50 ist die
Wahrscheinlichkeit, an ihm in den nächsten zehn Jahren zu erkranken, fast
doppelt so hoch wie mit 40, mit 60 fast dreimal so hoch. Dementsprechend ist es
kein Wunder, dass bei einer zunehmend älteren Bevölkerung die Zahl der
Diagnosen leicht zunimmt. Dass sie allerdings so rasant steigt, ist vor allem
eine Folge des Screenings nach dem Motto: Wer viel sucht, der findet auch viel.
Fazit: Mit dem Mammografiescreening werden also tatsächlich viele Tumoren
entdeckt, die sonst den Ärzten entgangen wären.
Wer wird durch die Mammografie gerettet?
Wissenschaftliche Studien
beweisen: Schickt man tausend Frauen 20 Jahre lang alle zwei Jahre zur
Mammografie, wird zwar bei 65 von ihnen, also 6,5 Prozent, ein Brusttumor
gefunden – nur fünf Frauen wird aber die Untersuchung tatsächlich das Leben
retten. Bei ihnen geschieht das, wovon die Erfinder des Screenings immer
träumten: Ein Krebsgeschwür fällt auf, bevor es im Körper Tochtergeschwülste
verteilt hat oder weit in das umliegende Gewebe hineingewuchert ist. Es wird
früher therapiert, die Chancen der Behandlung steigen, mehr Frauen überleben
die Krankheit.
Bei 15 weiteren unter den besagten tausend untersuchten Frauen wird die
Diagnose des Karzinoms indes zu spät kommen: Sie werden trotz Teilnahme am
Programm an ihrer Krankheit sterben. Entweder, weil der Tumor zu spät entdeckt
wurde. Oder weil er übersehen wurde und vor der nächsten Untersuchung als
sogenanntes Intervallkarzinom auftauchte. Weil diese gerne besonders schnell
wachsen, ist die Medizin in diesen Fällen oft hilflos.
Wer wird durch die Mammografie
geschädigt?
Zur Beantwortung dieser Frage muss man wissen, dass Brustkrebs nicht gleich
Brustkrebs ist. Je nachdem, wie sehr das Erbgut der Krebszellen geschädigt und
die Zellen außer Kontrolle geraten sind, wachsen Tumoren schneller oder
langsamer, metastasieren früher oder später, sind also gefährlicher oder
weniger gefährlich. Grob gesagt kann man die Krankheit in vier Kategorien
unterscheiden:
Zunächst einmal gibt es die harmloseren, weil sehr langsam wachsenden Tumoren.
Geschwülste, die aus diesem Grund auch ohne Screening entdeckt und erfolgreich
behandelt worden wären. Dann gibt es auf der anderen Seite die besonders
gefährlichen Geschwülste, die rasant wachsen, schon von klein auf
Tochtergeschwüre im Körper absiedeln und – ob früh per Röntgenaufnahme oder
spät als tastbarer Knoten entdeckt – tödlich sind. Ihre Trägerinnen sind auch
per Mammografiescreening nicht zu retten.
Drittens gibt es die harmlosen Geschwülste, die sich aber niemals zu einem
ausgewachsenen Tumor entwickeln würden. Sie werden zwar oft bei einer
Mammografie entdeckt, müssten aber eigentlich nicht therapiert werden (!).
Das bedeutet: In der Röntgenaufnahme fallen solche Tumoren zwar oft auf und
werden anschließend auch per Biopsie bestätigt, die Frauen hätten aber nie eine
Brustamputation oder Bestrahlung gebraucht. Sie werden Opfer einer Überdiagnose
und damit tatsächlich geschädigt. Dieses Schicksal trifft fünf von 1000
untersuchten Frauen.
Zuletzt wären noch die Tumoren zu nennen, die beim Wachstum genau das richtige
Tempo für ein Screeningprogramm an den Tag legen. Sie gedeihen so schnell, dass
sie die alle zwei Jahre stattfindende Untersuchung rechtzeitig aufspüren kann.
Dank der Mammografie kann der Arzt sie also tatsächlich bekämpfen, bevor sie
größeren Schaden anrichten. Nur die Patientinnen, die in diese Gruppe fallen –
fünf unter 1000 regelmäßig untersuchten Frauen – profitieren auch von der
Mammografie. Susan Love, Chirurgieprofessorin an der University of California
schätzt laut New York Times, dass nur jeder sechste bis fünfte Brusttumor
überhaupt tödlich ist. "Zudem findet man durch die Mammografie
besonders diejenigen Tumoren", sagt Christiane Kuhl, Direktorin der
Radiologie an der Uniklinik Aachen, "die langsamer wachsen und den
Frauen tendenziell nie gefährlich werden würden."
Werden manche Frauen unnötig
verängstigt?
In seiner Krebsbiografie "Der König aller Krankheiten" vergleicht
der US-amerikanische Onkologe Siddhartha Mukherjee Früherkennungsuntersuchungen
mit dem Netz einer Spinne. Will die Spinne mehr Beute fangen, webt sie das Netz
dichter. Dann klebt allerdings mit den Fliegen auch mehr fliegender Müll im
Netz. Will sie den störenden Abfall vermeiden, spannt sie die Fäden mit
größerem Abstand. Nun muss sie aber damit rechnen, dass ihr mehr Beutetiere durch
die Maschen schlüpfen. Ähnlich ergehe es der Medizin, so Mukherjee, auf der
Suche nach der perfekten Screeninguntersuchung. Richtig gewebt ist sie selten.
Entweder sie findet zu viel Tumoren, die eigentlich keine sind, oder sie
übersieht zu viele gefährliche Krebsgeschwülste, vermeidet dadurch aber
Fehldiagnosen.
Die Mammografie hat beide Probleme. Sie übersieht die erwähnten
Intervallkarzinome und meint Krebsanzeichen zu erkennen, wo Panik gar nicht
angebracht ist. Laut Statistik gilt: Wenn 1000 Frauen 20 Jahre lang regelmäßig
zur Mammografie gehen, wird der Radiologe bei 300 von ihnen irgendwann einen
Tumor ausmachen – nur 50 von ihnen haben aber tatsächlich einen. Jede vierte
Frau wird also einen Brief erhalten, der ihr einen Schreck einjagt, weil er sie
zu einer Nachuntersuchung einlädt. Denn die Folge der Ungenauigkeit der Methode
ist, dass die Frau ständig aufs Neue untersucht werden muss, bis sich der Arzt
ganz sicher sein kann, einen Tumor zu sehen.
Auf die positive Mammografie folgen im Screening eine zweite Aufnahme, ein
Ultraschallbild oder ein Tastbefund. Bestätigen diese Untersuchungen den
Verdacht, wird die Frau mit der nächsten Einladung erneut geschockt. Nun
entnimmt man ihr mit einer Nadel aus der Brust Gewebe. Erst diese Biopsie schafft
die Klarheit, ist es ein Tumor oder nicht.
Macht eine Mammografie das Leben
sicherer?
Die Antwort der Wissenschaft lautet ja, aber nicht viel. 3,45 Prozent oder
1 zu 29 beträgt das Risiko einer Frau, in ihrem Leben an Brustkrebs zu sterben
– der überwiegende Anteil stirbt in hohem Alter. Durch den regelmäßigen Besuch
des Mammografie-Screenings lässt sich das Risiko um 15 Prozent auf 2,92 Prozent
oder etwa 1 zu 33 senken. Jede Frau muss für sich selbst entscheiden, ob das
den Ärger wert ist.
Und wem nützt das
ganze Theater am meisten? Dem Verdienst der Radiologen, Frauenärzte, Pharmaindustrie....