Es ist 6:00 Uhr.
Mein Sonnenaufgangssimulator geht auf die erste Beleuchtungsstufe, die es
gerade eben ermöglicht, die Konturen unseres Schlafzimmers zu erkennen. Leider
bin ich schon wach. Wenn ich Glück habe, werde ich erst richtig wach, wenn der
Wecker um 6:20 Uhr zwitschert. Heute eben nicht. Ich kann mich trotzdem
glücklich schätzen, der kleine Spatz war nicht schon gegen 5 Uhr putzmunter und
wollte noch nicht mit Mama kuscheln.
Ich warte bis
6:20 Uhr und überlege krampfhaft, was ich anziehe heute. Es wird immer
schwieriger. Die Schere zwischen Klamotten, die ich nicht mehr ins Büro
anziehen kann und Neuanschaffungen klafft immer weiter auseinander. Auf der
anderen Seite ist es auch nur ein Büro ohne direkten Kundenkontakt und der Job
ist nicht besonders gut bezahlt. Übertreiben sollte man es auch nicht. Um in
der Berufswelt erfolgreicher zu sein, sollte ich vielleicht doch mehr in
Klamotten investieren. Kleider machen Leute. Ich werde aus meinen Überlegungen
gerissen, es ist Zeit aufzustehen. Ich wecke die grosse Maus. Sie braucht immer
besonders lange, um wach zu werden. Der Papa duscht und bereitet das Frühstück
zu. Er hat den leichteren Job morgens. Ich ziehe mich an, gehe ins Bad,
schminke mich und öffne zeitgleich die Tür des Zimmers des kleinen Spatzen,
damit schon etwas Licht zu seinem Bett dringt und er langsam aufwacht. Meistens
ist er gut gelaunt. Heute nicht. Es dauert insgesamt ca. 20 Minuten:
Schlafanzug ausziehen, Windel wechseln (wir sprechen momentan das Thema Toilette
nicht mal an auf Anraten unserer Krippenerzieherin), kurze Diskussion zum
T-Shirt und zu den Strümpfen (die "Bob der Baumeister"-Strümpfe oder
die mit den Fröschen?), kurzes An-den-Tisch-Setzen und Oster-Aufkleber aufkleben bis schliesslich
zum vollständigen Anziehen. Ich kehre ins Bad zurück, um meine Kriegsbemalung
zu beenden. Ach, noch kurz ein Blick ins Zimmer der grossen Maus: Oh, sie hat
schon die Schlafanzughose ausgezogen! In insgesamt 25 Minuten. Ich kann mich
dazu überreden, ruhig zu bleiben und weise darauf hin, dass wir in Kürze
frühstücken. Glücklicherweise haben wir die Sachen am Vortag schon rausgelegt,
sonst würde es noch länger dauern. Wir
schaffen es zum Frühstückstisch und haben Glück: der kleine Spatz ist gut
gelaunt und isst sogar seinen Obstsalat. Passiert auch nicht jeden Tag. Wir
liegen gut in der Zeit, auf zum Zähneputzen. Anziehen. Ankunft in der
Tiefgarage, wir sind fast am Auto, als die grosse Maus umdreht: sie hat ihr
Lippenbalsam vergessen. Ich sage, dass wir jetzt los müssten und wir keine Zeit
hätten. Sie müsse halt bis zum Nachmittag warten. Grosse Tränen, wir sind böse
Eltern und würden ihr nie Zeit lassen, deshalb hätte sie es vergessen, sie
hätte nicht genug Zeit gehabt etc. Ich checke die Uhrzeit und stelle fest, dass
ich gut in der Zeit liege. Wow, 5 x das Wort "Zeit" in 5 Zeilen! Scheint ein wichtiges Wort zu sein. Kinder ins Auto verfrachtet, kurz in die Wohnung
gesprintet, Lippenbalsam geholt. Tochter glücklich. Schule: Tochter wird
ausgeladen. Krippe: Sohn wird ausgeladen. Kein Abschiedsschmerz. Sein bester
Freund ist da und ich bekomme grade mal einen Abschiedskuss. Klasse. Ich
schwinge mich auf's Fahrrad und die zweite Phase des Tages ohne Kinder beginnt:
ich fahre ins Büro. Ein typischer Tag nimmt seinen Lauf....